Wir dachten eigentlich, nach einem Jahr Alabama würden wir Land und Leute so gut kennen, um nicht noch weiteren Überraschungen zu begegnen. Doch dem ist nicht so: Erst kürzlich bekamen wir mit, wie der Alltag der Amerikaner hier vom Umgang mit Pestiziden geprägt ist. Der Einsatz von Pestiziden ist für die Menschen hier so normal, wie das tägliche Zähneputzen. Wir konnten kaum glauben, dass der regelmäßige Besuch der „Pest Control“ ganz normal ist. Noch mehr entsetzt hat uns, dass auch beide Schulen einmal im Monat durch Firmen aufgesucht werden, die um die Gebäude und innen drin Pestizide spritzen. Die Kantine wird nicht ausgenommen. Diese Woche saß ich draußen im Kaffee und um mich herum wird das Gebäude mit Pesitziden besprüht. Autos der „Pest Control“ oder noch besser der „Scientific Pest Control“ (was auch immer das heißt) sieht man hier überall. Auf den Rasenflächen ist der Einsatz von Herbiziden und Pesitziden gang und gäbe. Dies erklärt auch die makellos und künstlich aussehenden Rasenflächen in den Vorgärten der Menschen hier (wir hatten uns gefragt, weshalb man nicht Kunstrasen auslegt – man müsste nicht ständig mähen). Es erklärt auch, weshalb wir in unserem Garten keinen einzigen Grashüpfer, Käfer oder keine Schnecke oder Raupe antreffen. Auch wenn wir selbst natürlich keine Chemie im Garten und Haus anwenden, kommen durch das sicherlich stark behandelte Wohngebiet keinerlei Kleintiere bis zu unserem Haus hindurch. Nach einigen Internetrecherchen haben wir herausgefinden, dass der Einsatz von Pestiziden in allen Staaten der USA üblich ist. Für viele Staaten gibt es jedoch gesetzliche Vorschriften oder Regelungen und nur bedingte Einsätze. Für Alabama jedoch sind keinerlei Vorschriften vorhanden und somit wird an den Mittelchen nicht gespart. Unser Entsetzen darüber stößt bei den Amerikanern aber auch bei mancher deutscher Expat-Familie auf Unverständnis. Die Antwort ist einfach „you have to do that“ – ob dies tatsächlich so ist, wird nicht hinterfragt. Auch ob es alternative, „giftfreie“ Möglichkeiten gibt, sich gegen ungewünschte Besucher zu wehren, wird nicht betrachtet. Unsere größte „Pest Control“ war in Deutschland und ist auch hier unser Kater. Auch der Staubsauger hat uns hier so manchen hilfreichen Dienst geleistet. Wir sind jedenfalls sehr entsetzt über den Einsatz von Pestiziden vor allem im Umfeld der Kinder und können das Verhalten der Menschen hier nicht verstehen. Leider bleibt uns nichts anderes üblich, als dies hinzunehmen und zumindest in unserem Privaten Umfeld auf Gifte zu verzichten. Die amerikanische Gesellschaft können wir nicht ändern. Uns ist aber wieder bewußt geworden, wie umwelt- und gesundheitsbewußt in vielen Bereichen in Deutschland gedacht und gehandelt wird. Wir sind dankbar, darüber, dass unser Aufenthalt hier zeitliche befristet ist und dass wir uns dem Einfluß socher Dinge – entgegen der Amerkaner – wieder entziehen können.
Ein erfreulicheres Erlebnis war die Teilnahme am Tailgating (Tailate = Kofferraum). Es handelt sich hierbei um eine Art Fest, die vor, während und nach dem Footballgame stattfindet. Auch wer sich nicht zu den Footballfans zählt, muss Tailgating mal erlebt haben. Die ganze Innenstadt von Tuscaloosa ist voll mit Zelten, Wohnmobilen und Menschen – alle in weiß / rot, den Farben des Footballteams von Alabama (nur Leander und ich nicht, da wir uns nicht zu den Fans zählen). Beim Talegating sitzt man auf Campingstühlen, ißt und trinkt und feiert.
Dank des guten Wetters und der warmen Temperaturen hier ist dies die ganze Saison über gut möglich. Wir stellten fest, dass die Amerikaner es gut verstehen, aus jedem Event eine große Sache zu machen, so eben auch mit dem Footballgame. Vielleicht verstehen sie dies besser als wir Deutschen, vielleicht ist es aber auch so, dass das Footballgame zu den wenigen Attraktionen hier gehört und somit zu einem riesigen Event gemacht wird. Jedenfalls hat ist die Familie von Valentins Schulkameraden Teilhaber eines Tailgating Zeltes und wir wurden eingeladen, daran teilzuhaben. Da das Universitätsviertel an solchen Tagen für Autos gesperrt ist, mussten wir auf Fahrräder umsteigen. Wie gut, dass wir nur einige Tage zuvor Unifahrräder für 5 $ im Monat ausgeliehen hatten.
Das Tailgating-Erlebnis und besonders die dazugehörige Radtour dorthin haben wir sehr genossen.













